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Der internationale Schweinefleischhandel im Blickpunkt
Verunsicherung durch die Krise, eine schwächere Nachfrage nach Schweinefleisch und gleichzeitig eine nachlassende Produktion. Bei allen wichtigen Spielern bewegen sich Einfuhr und Ausfuhr deutlich nach unten. Soweit einige Schlussfolgerungen, die das Belgian Meat Office der Marktstudie des Gira Meat Club über den internationalen Schweinefleischhandel entnimmt. Der Manager des Belgian Meat Office, René Maillard, betont jedoch, der kürzliche Rückgang der Futterkosten und ein stärkerer Dollar könnten den Erzeugern im 1. Halbjahr 2009 durchaus mehr Freiraum bieten.DIE SITUATION INNERHALB EUROPAS
Preis
"2008 war ein Jahr mit zwei gegenläufigen Strömungen", beginnt Maillard, „in der ersten Jahreshälfte kannten die Schweinepreise einen Tiefstand, während die Kosten ausuferten. Dann löste die saisonale Nachfrage im Frühjahr und Sommer plötzlich einen Preisanstieg aus, der aber schon im Herbst einem starken Preissturz zum Opfer fiel. Auslöser dieses letzten Preisrückgangs waren die Finanzkrise und der internationale Wettbewerbsdruck."
In Europa, so Maillard, entwickelten sich die Schweinepreise sehr unterschiedlich: "Preisbestimmend ist in Europa weiterhin Deutschland; Dänemark und Frankreich hinken unter ferner liefen hinterher."
Entwicklung hängt von länderspezifischen Betriebsstrukturen ab
Dass Deutschland über den Norden erneut Rekordmengen an Ferkeln importierte, hat Deutschlands Abwehrkraft gegen die Krise gestärkt. "Auch in Belgien nehmen die Ferkeleinfuhren laufend zu", berichtet Maillard. Dies komme, so fügt er hinzu, auch der Eigenproduktion zugute. "So können die Schlachthöfe rentabel wirtschaften, den Abnehmern eine durchgehende Belieferung garantieren und die Handelsbeziehungen pflegen."
"In Dänemark beobachten wir eine beschleunigte Konzentration. Dort ist nicht nur die Anzahl Erzeuger, sondern auch die Produktion rückläufig ", erläutert Maillard.
"Frankreich muss angesichts der vielen kleinen Familienbetriebe ganz andere Probleme bewältigen. Meist handelt es sich dabei um gemischtwirtschaftliche oder geschlossene Betriebe, ohne große Perspektiven. Trotzdem können sie ihre Arbeit nicht von heute auf morgen einstellen", erzählt Maillard. "Viele Betriebe stöhnen unter so hohen Schuldenlasten, dass sie zum Weitermachen gezwungen sind. Sie umzustrukturieren ist so gut wie unmöglich."
Produktionserwartungen 2009
"Für 2009 erwarten wir fast europaweit sinkende Produktionen", fasst Maillard die Prognosen des Gira Meat Club zusammen. "Vor allem die neuen EU-Länder scheinen auf einen drastischen Abbau der Produktion hinzusteuern. Ich denke da an die Slowakei (-15%), Tschechien (-10%), Ungarn (-6,9%) und Polen (-6,6%). Bei den führenden Erzeugerländern ist Dänemark, mit einem erwarteten Rückgang um 3,3%, der größte Verlierer. Auch Frankreich (-2,6%), Spanien (-2,4%) und Deutschland (-1,0%) müssen Federn lassen. Belgien folgt mit einem begrenzten Produktionsabbau (-0,8%).
"Längerfristig hat Belgien schon größere Produktionseinbußen verkraften müssen", relativiert Maillard diese Statistiken. "Von 2000 bis 2009 wird die Schweineproduktion um 9 Prozent gesunken sein. Diesen Rückgang muss die Fleischwirtschaft durch höhere Einfuhren von Ferkeln und Schlachtschweinen wettmachen, um die Fleischerzeugung auf Niveau zu halten."
Schweinefleischverzehr leidet unter Kaufkraftschwund
"Die Rezession drückt auf die Kaufkraft und daher auch auf den Schweinefleischverzehr. War dieser Verzehr 2008 noch zufriedenstellend, so erwarten wir für 2009 einen deutlichen Rückgang um 1,5 bis 2 Prozent", erwartet Maillard. "Händler und Verarbeiter wünschen zudem keine Preiserhöhungen; hinzu kommt, dass billiges Geflügelfleisch dem Schweinefleisch Konkurrenz macht."
Handel in und außerhalb der EU
"Im ersten Halbjahr 2008 erzielte Europa dank Rückerstattungen umfangreiche Ausfuhren. Die Lieferungen nach Russland kletterten sogar auf 320.000 t, also 75.000 t mehr als kontingentiert", betont Maillard.
"Im zweiten Halbjahr wendete sich das Blatt, und daran wird sich 2009 nichts ändern. Dieses Jahr werden die Ausfuhren aus dem EU-Bereich so stark unter Druck geraten, dass Einbußen um 15 bis 20% zu erwarten sind. Auch hier wird die Finanzkrise eine wichtige Rolle spielen. Verstärkt wird diese Entwicklung durch das Auslaufen der Rückerstattungen und den starken Druck aus den USA und Kanada", erläutert Maillard.
"Der innereuropäische Handel steht inzwischen jedoch im Aufwind. So exportieren die Niederlande und Dänemark mehr Ferkel und Schlachtschweine nach Deutschland und Belgien. In Sachen Fleischhandel ist Deutschland mehr denn je die Drehscheibe innerhalb Europas. Der von Dänemark ausgehende Handel ist gefestigt und umfangreich, und auch die Niederlande sowie Frankreich können sich behaupten. Gleichzeitig nimmt der Handel aus Spanien nach Frankreich weiter zu", schlussfolgert Maillard.
Schlussfolgerung & Erwartungen 2009
"Beim Schweinefleisch folgen diesmal Produktion und Nachfrage demselben Kurs. Da die Ausfuhr unter Druck steht und die einzelnen Fleischsorten möglicherweise stärker miteinander konkurrieren werden, erwarten wir, dass die Marktaufnahme - Konsum und Ausfuhr zusammen - um 3% geringer ausfällt", verdeutlicht Maillard.
"Für 2009 erwarten wir einen weiteren Produktionsabbau, da weltweit viele Erzeuger das Handtuch werfen werden. Die Produktionskosten werden nach dem deutlichen Anstieg von 2008 erneut sinken, und auch die Preise dürften dann wieder anziehen. Aber das sollten wir lieber abwarten", betont Maillard. "Wir wissen ja nicht, wie sich der Dollarkurs entwickelt, und an den Exportmärkten kündigt sich die Entwicklung schon jetzt unfreundlicher an als erwartet. Abzuwarten bleibt auch, wie Handel und Verarbeitung auf die Rezession reagieren werden. Schließlich stehen auch in Sachen Tierwohlsein neue Bestimmungen ins Haus. Bevor wir aber hier investieren können, müssen zuerst die heutigen Schulden getilgt werden.
DIE LAGE AUSSERHALB EUROPAS
Vereinigte Staaten und Kanada: boomendes Ausfuhrgeschäft
"Die US-amerikanischen und kanadischen Landwirte haben gute Jahre hinter sich", leitet Maillard seine Überlegungen zur Lage in Übersee ein. "Beide Länder haben ihren Handel stark vergemeinschaftet und somit auch ihre Wirtschaft weitgehend verflochten. Wichtig für Nordamerika ist der auffallende Vormarsch der Äthanolerzeugung. So wurde über ein Viertel der Maisvorräte zu Äthanol verarbeitet. Dies geschieht natürlich in direkter Konkurrenz zum Futtergetreide."
Inzwischen muss Kanada aber die Prüfsiegelgesetzgebung 'COOL' (Country of Origin Label) in den V.S.verkraften, die für Fleisch seit September 2008 in Kraft ist. Seitdem nehmen US-amerikanische Schlachthöfe nicht mehr so gern kanadische Schlachtschweine an. Für Kanada bedeutet dies eine Handelssperre, die Verunsicherung und zusätzliche Kosten mit sich bringt.
"Für die Vereinigten Staaten sind die Erwartungen durchaus positiv. Hier befindet sich die Schweinefleischproduktion bereits seit über 20 Jahren im Aufwind." Trotzdem mahnt Maillard auch hier zur Vorsicht. Immerhin ist der Pro-Kopf-Verzehr an Schweinefleisch in den USA um 4 Prozent gesunken und befindet sich auf dem niedrigsten Stand seit 1997. "Die Schweinefleischausfuhren aus den USA haben 2008 eindrucksvolle Ergebnisse verbucht. Auslöser dieses enormen Anstiegs waren die boomende Weltwirtschaft, die die Nachfrage nach Proteinen ankurbelte, die zunehmende Urbanisation und ein schwächerer Dollar", erläutert Maillard. Auch für 2009 werden wieder große Schweinefleischausfuhren aus den USA erwartet, die aber das ungewöhnliche Ausmaß von 2008 nicht erreichen.
Für die Schweinefleischpreise hat Gira Meat Club errechnet, dass die Preisfestsetzung in den USA seit 2000 sehr stark gewesen ist, ohne der normalen Entwicklung zu folgen. In jüngster Zeit hat die boomende Nachfrage sogar das Angebot und auch die Preise nach oben geschraubt. "Für 2009 werden in den USA sage und schreibe 9% Preisanstieg erwartet. Dabei werden die Auswirkungen einer knapperen Erzeugung durch geringere Ausfuhren und einen geringeren inländischen Verzehr gedämpft", verdeutlicht Maillard.
Brasilien konzentriert sich auf Russland
In Brasilien sind Produktion und Verzehr von Schweinefleisch stark aufeinander abgestimmt. Die Ausfuhr beträgt kaum mehr als 600.000 t jährlich. "Zudem ist die Ausfuhr sehr störanfällig, da Brasilien sich vor allem auf den russischen Markt ausrichtet", schildert Maillard. "46 Prozent der Schweinefleischausfuhren gingen 2007 nach Russland; dadurch ist das Land sehr abhängig von einem schwer kalkulierbaren Abnehmer, was natürlich Risiken schafft!"
In Brasilien vollzieht sich derzeit eine starke Konzentration. "Die Schweinefleischproduktion ist in vier Staaten im Süden und Südwesten Brasiliens beheimatet. Dabei stellen die fünf größten Erzeuger zusammen über 70 Prozent der Schlachtungen", präzisiert Maillard.
Von Haus aus sind die Brasilianer eigentlich keine Liebhaber von Schweinefleisch; sie bevorzugen Rind-, zunehmend auch Geflügelfleisch. "Die Industrie versucht jetzt, den Verzehr von Schweinefleisch anzukurbeln. Gerade in Krisenzeiten dürfte es aber sehr schwer sein, den Verzehr von Geflügelfleisch zurückzudrängen."
Russland überzieht das Einfuhrkontingent
Russlands Eigenproduktion steigt zwar noch, wird aber durch die Krise beeinträchtigt. "Da sich der Konsum inzwischen erhöht, übersteigt die Nachfrage nach Einfuhren das Kontingent und muss die volle Einfuhrabgabe entrichtet werden", erklärt Maillard. "Diese Einfuhren kommen größtenteils aus Brasilien, wenngleich Brasilien im ersten Halbjahr 2008 mit sanitär bedingten Einschränkungen zu kämpfen hatte. Daher übernahm Europa mit den USA und Kanada einen Teil dieses Marktanteils. Vielleicht erleben wir demnächst, mit dem Vormarsch Chinas, einen weiteren Konkurrenten am russischen Markt", warnt Maillard.
Die russische Bevölkerung verzehrt zwar immer mehr Fleisch, bevorzugt aber zunehmend billigere Produkte. "Schweinefleisch verzeichnete 2008 den größten Zuwachs", fügt Maillard noch hinzu.
Fernost
Das fernöstliche Wirtschaftswachstum wird durch die anhaltende Schubkraft Chinas beherrscht. Nach einem gefestigten 2008 entwickelt sich China als stabiler Markt. Die Geflügelproduktion hat sich nach der Vogelgrippe wieder erholt, und auch kostenmäßig kann sich der kleine, auf Familienbasis arbeitende Schweinefleischerzeuger gegenüber den großen Handelssystemen behaupten. "Für das fünfte Viertel unserer Schweine ist China ein sehr wichtiger Markt", versichert Maillard. "In China erzielen wir nämlich selbst für jene Teile, die in Europa unerwünscht sind, noch gute Preise." Trotzdem bleiben die Lieferungen nach China sehr marginal. China ist nämlich immer auf Selbstversorgung bedacht. Deshalb folgt der Verzehr der Entwicklung der eigenen Produktion. "China muss sich aber vor Tierkrankheiten wie PRRS, Schweinepest sowie Maul- und Klauenseuche weiterhin in Acht nehmen", gibt Maillard noch zu bedenken.
In Japan muss Dänemark seit einigen Jahren spürbar Federn lassen. Nutznießer sind die USA, die schon jetzt 41 Prozent des Einfuhrmarktes innehaben. "Die Produktion ist in Japan sehr gefestigt. Höhere Nachfragen konnten in den letzten Jahren durch erhöhte Einfuhren wettgemacht werden", so Maillard.
In Südkorea hat die lebhafte Nachfrage nach Schweinefleisch ihren Höhepunkt überschritten. "Die koreanischen Landwirte haben den Kampf gegen das US-amerikanische Rindfleisch verloren. Das Aufkommen von US Beef beflügelt den Verzehr, drosselt aber die Schweinefleischeinfuhren“, sagt Maillard.

